Ich habe euch mal einen Text zusammen gestellt über ungeschriebene Verhaltensregeln in Japan. Viel Spaß beim lesen! In Japan spielen viele ungeschriebene Verhaltensregeln eine zentrale Rolle im Alltag und dienen vor allem der gesellschaftlichen Harmonie. Ein wichtiges Prinzip ist Meiwaku (迷惑), also niemand anderen zu belästigen oder zur Last zu fallen. Dazu gehört es, im Zug nicht laut zu sprechen, keine starken Essensgerüche zu verbreiten, Musik nicht laut abzuspielen und allgemein Rücksicht auf die Umgebung zu nehmen. Während es in vielen westlichen Ländern normal ist, im Zug laut zu telefonieren oder mit Freunden laut zu lachen, wird dies in Japan oft als störend empfunden. Selbst Telefongespräche im Zug werden häufig vermieden oder nur sehr leise geführt. Grundsätzlich gilt es in normalen Nahverkehrszügen außerdem als höflicher, nicht zu essen, da Essensgerüche, Verpackungsgeräusche oder das Essen selbst andere Fahrgäste stören könnten und schnell als Meiwaku (迷惑) empfunden werden. Auch unterwegs beim Gehen wird häufig weder gegessen noch getrunken, da dies als unruhig oder unachtsam wirken kann. Während man in vielen westlichen Ländern problemlos mit Coffee to go oder Essen durch die Straßen läuft, achten viele Menschen in Japan stärker darauf, dafür einen ruhigen Ort oder eine Pause zu wählen. Eine Ausnahme bilden meist Fernzüge wie der Shinkansen (新幹線), in denen Essen traditionell akzeptiert ist, beispielsweise mit einem Ekiben (駅弁), einer speziellen Zugmahlzeit. Eng damit verbunden ist Yuzuriai (譲り合い), die gegenseitige Rücksichtnahme, etwa wenn man anderen den Sitzplatz anbietet, jemanden zuerst in den Aufzug gehen lässt oder im Straßenverkehr höflich Vorfahrt gewährt. In Japan warten Menschen oft geduldig in Reihen und drängeln kaum, während in Europa häufig versucht wird, schneller voranzukommen oder sich noch „dazwischenzuschieben“. Selbst auf Rolltreppen existieren regionale Gewohnheiten. In Tokio steht man normalerweise links und lässt rechts Platz für Menschen, die gehen möchten, während es in Osaka meist genau umgekehrt ist und man rechts steht und links vorbeigeht. Diese unausgesprochenen Abläufe gehören ebenfalls zu Hito no Nagare (人の流れ), also dem harmonischen Mitbewegen im Menschenfluss. Ebenso wichtig ist Reigi (礼儀), der alltägliche Respekt gegenüber Menschen, Gegenständen, Orten und Traditionen. Dieser zeigt sich in Höflichkeit, Verbeugungen, achtsamer Sprache und einem respektvollen Umgang miteinander. Selbst Gegenstände werden oft mit Sorgfalt behandelt. Während in westlichen Ländern viele Dinge eher funktional betrachtet werden, zeigt sich in Japan oft ein respektvollerer und beinahe würdevoller Umgang mit alltäglichen Dingen. Das Prinzip Hito no Nagare (人の流れ), also „mit dem Strom gehen“, beschreibt die Fähigkeit, sich harmonisch in den Ablauf und den Menschenfluss einzufügen, ohne unnötig aufzufallen oder andere zu behindern. In japanischen Bahnhöfen bewegt sich die Menschenmenge oft beinahe wie ein gemeinsamer Strom, während man in Europa häufiger abrupt stehen bleibt oder mitten im Weg auf das Handy schaut. Auch Gerüche spielen in Japan eine große Rolle. Sumehara (スメハラ), eine Kurzform für „Smell Harassment“, bezeichnet die Belästigung anderer durch starke Gerüche wie intensives Parfüm, Schweiß oder Rauch. Während in westlichen Ländern starke Parfüms häufig sogar als Ausdruck der Persönlichkeit gelten, bevorzugt man in Japan eher neutrale und unauffällige Gerüche. Kommunikation beginnt in Japan häufig über Tatemae (建前), also höflichen und gesellschaftlich angepassten Smalltalk. Dabei spielt Enryo (遠慮), die respektvolle Zurückhaltung, eine große Rolle. Gespräche wirken dadurch oft ruhig und vorsichtig und bestehen aus vielen kleinen Reaktionen, dem sogenannten Aizuchi (相槌), also bestätigenden Antworten wie Nicken oder kurzen Einwürfen, wodurch Gespräche wie ein ruhiges Ball hin und her wirken. Während man im Westen oft schnell zu direkten Meinungen oder persönlichen Themen übergeht, bleibt man in Japan anfangs meist höflich und zurückhaltend. Erst wenn Vertrauen entsteht, zeigt sich das Honne (本音), die wirkliche innere Meinung und persönliche Tiefe eines Menschen. Enryo (遠慮) bedeutet außerdem, sich selbst bewusst zurückzunehmen, nicht aufdringlich zu sein und anderen Raum zu geben. Während in westlichen Kulturen Selbstbewusstsein und direktes Auftreten oft positiv bewertet werden, gilt in Japan Zurückhaltung häufig als Zeichen von Reife und Respekt. Ein weiteres wichtiges Prinzip ist Okaeshi (お返し), das kulturelle Geben und Zurückgeben. Wenn jemand hilft oder etwas schenkt, erwidert man dies später oft mit einer kleinen Aufmerksamkeit oder einem Gegengeschenk als Zeichen der Wertschätzung und Verbundenheit. Während Geschenke im Westen oft einfach angenommen werden, besteht in Japan häufig das Bedürfnis, die erhaltene Aufmerksamkeit irgendwann auszugleichen. Ebenso wichtig ist Wa (和), die gesellschaftliche Harmonie. Oft ist es in Japan wichtiger, Harmonie zu bewahren und Konflikte zu vermeiden, als unbedingt Recht zu haben. Während Diskussionen und direkte Konfrontationen im Westen oft normal sind, versucht man in Japan eher, Spannungen still und respektvoll zu entschärfen. Dazu gehört auch Kuuki wo Yomu (空気を読む), also „die Luft lesen“, das Wahrnehmen unausgesprochener Erwartungen, Stimmungen und sozialer Feinheiten. Wer dies nicht kann, wird manchmal als Kuuki ga Yomenai (空気が読めない) bezeichnet, also jemand, der die Atmosphäre nicht versteht. In westlichen Ländern wird vieles direkt ausgesprochen, während in Japan oft erwartet wird, dass man Situationen intuitiv erkennt, ohne dass alles erklärt werden muss. Höflichkeit zeigt sich außerdem im Begriff Shitsurei (失礼), also dem Vermeiden von Unhöflichkeit. Deshalb sagt man häufig Shitsurei shimasu (失礼します), etwa beim Betreten oder Verlassen eines Raumes oder bevor man jemanden anspricht. Während man in Europa häufig einfach einen Raum betritt oder verlässt, wird in Japan oft bewusst sprachlich signalisiert, dass man den persönlichen Raum anderer respektiert. Gaman (我慢) beschreibt die Fähigkeit, Schwierigkeiten ruhig und würdevoll zu ertragen, ohne sich ständig zu beklagen. Während in westlichen Kulturen Gefühle oft offen ausgesprochen werden, bewundert man in Japan häufig Menschen, die auch in schwierigen Situationen Haltung und Selbstkontrolle bewahren. Omotenashi (おもてなし) steht für die japanische Form aufrichtiger Gastfreundschaft, bei der man aufmerksam ist und versucht, Bedürfnisse anderer vorauszusehen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. In Japan versucht man oft bereits zu helfen, bevor der Gast überhaupt fragen muss, während Service im Westen häufig direkter oder funktionaler wirkt. Kenson (謙遜) beschreibt Bescheidenheit und das Zurücknehmen der eigenen Person, da übermäßiges Selbstlob oft als unangenehm empfunden wird. Während man im Westen häufig lernt, sich selbst gut zu präsentieren und seine Leistungen hervorzuheben, wird in Japan eher Bescheidenheit geschätzt. Auch Mottainai (もったいない), also das Bedauern über Verschwendung, spielt eine wichtige Rolle und zeigt sich im achtsamen Umgang mit Essen, Gegenständen, Zeit und Ressourcen. In Japan werden Verpackungen, Gegenstände oder Lebensmittel oft besonders sorgfältig behandelt, während Wegwerfmentalität in vielen westlichen Ländern deutlich stärker verbreitet ist. Die Sprache selbst spiegelt den Respekt wider, etwa durch Keigo (敬語), die japanische Höflichkeitssprache, welche soziale Distanz, Respekt und Hierarchie ausdrückt. Während viele westliche Sprachen deutlich direkter aufgebaut sind, verändert sich im Japanischen die Sprache je nach Rang, Situation und Beziehung. Ebenso bedeutend ist Ma (間), der bewusste Zwischenraum oder die Stille. In Japan gilt Stille nicht automatisch als unangenehm, sondern oft als natürlicher und wichtiger Teil der Kommunikation. Während im Westen Stille häufig sofort gefüllt wird, kann sie in Japan auch Ausdruck von Respekt, Aufmerksamkeit oder Nachdenklichkeit sein. Darüber hinaus gilt es häufig als unhöflich, anderen die eigene Lebensweise oder persönliche Überzeugungen aufzudrängen. Statt andere missionieren oder belehren zu wollen, respektiert man eher unterschiedliche Ansichten und versucht, die gesellschaftliche Harmonie zu bewahren. Gerade bei Themen wie Ernährung, Religion oder Politik wird in Japan oft deutlich zurückhaltender kommuniziert als in vielen westlichen Ländern.

サスチャ ウヴィラ 大師範
Sascha Uvira Daishihan