In den 1960er Jahren lernte ich unter dem großen Meister der Kampfkünste, Takamatsu Toshitsugu. Zu dieser Zeit begann ich, mich ernsthaft mit den traditionellen japanischen Kriegskünsten zu beschäftigen. Die alten Schulen waren damals noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, und es war selten, dass Menschen aus dem Ausland Zugang dazu erhielten. Dennoch entwickelte sich allmählich ein Interesse über die Grenzen Japans hinaus, und insbesondere in Amerika begannen sich Menschen für diese Kunst zu interessieren.
Als ich begann, mich mit Ninpō zu beschäftigen, wurde mir klar, dass es sich nicht nur um eine Sammlung von Techniken handelt, sondern um einen Weg, der den gesamten Menschen formt. Es geht nicht nur darum, Angriffe auszuführen oder abzuwehren, sondern darum, in jeder Situation richtig zu handeln und das eigene Leben zu bewahren. Viele Menschen verstehen das nicht und sehen nur die äußeren Bewegungen, doch das eigentliche Wesen liegt tiefer.
Ich erinnere mich an Trainingssituationen, in denen Angriffe plötzlich und ohne Vorwarnung erfolgten. Es gab Momente, in denen man keine Zeit zum Nachdenken hatte und sofort reagieren musste. In solchen Augenblicken zeigt sich, ob man wirklich verstanden hat, was man gelernt hat. Es geht darum, den richtigen Abstand zu wahren, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und sich dem Gegner anzupassen. Starrheit führt zum Scheitern, während Flexibilität und Aufmerksamkeit zum Überleben führen.
In Amerika traf ich auf viele Menschen, die sich für die Kampfkunst interessierten, doch oft war ihr Verständnis oberflächlich. Sie wollten schnelle Ergebnisse sehen, Techniken erlernen und Stärke demonstrieren. Doch Ninpō ist kein Weg der Zurschaustellung. Es ist ein Weg der Selbstdisziplin, der inneren Ruhe und der Kontrolle über sich selbst. Wer nur die äußere Form sucht, wird niemals die Essenz verstehen.
Ein wichtiger Aspekt des Trainings ist die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, selbst wenn man unter Druck steht. Angst, Wut oder Ungeduld führen zu Fehlern. Nur wer seinen Geist kontrollieren kann, ist in der Lage, klar zu handeln. Diese geistige Stärke ist es, die einen wahren Praktizierenden ausmacht.
Ich habe erlebt, dass viele Menschen versuchen, die Techniken zu kopieren, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Doch wahre Kampfkunst kann nicht einfach imitiert werden. Sie entsteht aus Erfahrung, aus wiederholtem Training und aus dem tiefen Verständnis der Prinzipien. Man muss lernen, die Situation zu lesen, den Gegner zu fühlen und im richtigen Moment zu handeln.
Die Essenz des Togakure-ryū liegt nicht im Kämpfen selbst, sondern im Überleben. Es geht darum, Konflikte zu vermeiden, wenn möglich, und sie nur dann zu lösen, wenn es notwendig ist. Gewalt ist nicht das Ziel, sondern lediglich ein Mittel, das in extremen Situationen eingesetzt wird.
Ich habe auch erkannt, dass der Weg des Ninpō ein lebenslanger Prozess ist. Es gibt kein endgültiges Ziel, keinen Punkt, an dem man sagen kann, dass man alles gemeistert hat. Stattdessen geht es darum, sich ständig weiterzuentwickeln und zu wachsen.
Abschließend hoffe ich, dass diejenigen, die diese Kunst im Ausland praktizieren, ihre wahre Bedeutung verstehen und respektieren. Nur so kann verhindert werden, dass sie verfälscht oder auf eine oberflächliche Form reduziert wird. Togakure-ryū Ninpō ist mehr als nur eine Kampfkunst – es ist ein Weg, das Leben zu verstehen und in Harmonie mit der Welt zu handeln.
Masaaki Hatsumi (Übersetzung Sascha Uvira)