Mottainai (もったいない) wird oft einfach mit „Verschwende nichts“ übersetzt, doch in Japan trägt dieses Wort eine viel tiefere Bedeutung. Es beschreibt eine Haltung des Respekts gegenüber allem, was existiert. Nicht nur gegenüber Dingen, sondern auch gegenüber Zeit, Familie, Gesundheit, Fähigkeiten und dem eigenen Leben. Wenn Essen weggeworfen wird, obwohl es noch gut ist, nennt man das mottainai. Wenn Gegenstände achtlos entsorgt werden, obwohl sie noch einen Wert besitzen, ist das ebenfalls mottainai. Doch das Prinzip geht noch weiter. Auch ungenutzte Talente, verschwendete Energie oder vergessene Möglichkeiten gelten als eine Form von Verschwendung. Nicht das eigene Potenzial zu nutzen, sich ständig mit Dingen zu beschäftigen, die keine Bedeutung haben, oder zu vergessen, wozu man eigentlich fähig ist, wird ebenfalls als mottainai betrachtet. In Japan steckt hinter diesem Gedanken die Vorstellung, dass alles mit Mühe, Zeit, Energie und Hingabe entstanden ist. Nahrung kommt aus der Arbeit vieler Menschen und aus der Natur. Gegenstände wurden hergestellt, transportiert und genutzt. Selbst unsere Fähigkeiten, unsere Gesundheit und unsere Zeit sind wertvolle Geschenke, die nicht achtlos verloren gehen sollten. Mottainai erinnert daran, bewusster zu leben und wertzuschätzen, was bereits vorhanden ist, anstatt ständig nach mehr zu suchen. Vielleicht braucht man nicht immer mehr Besitz, mehr Möglichkeiten oder mehr Erfolg. Vielleicht braucht man einfach mehr Aufmerksamkeit und Dankbarkeit für das, was bereits da ist. Deshalb fragt uns dieses Prinzip: Was besitzen wir bereits, das wir nicht wirklich nutzen? Was verdient mehr Respekt, mehr Pflege und mehr Wertschätzung? Denn auch das Vergessen dessen, was bereits in uns liegt, kann eine Form von Verschwendung sein.

Sascha Uvira