Die beiden Nio Tempelwächter Agyō und Ungyō stehen seit Jahrhunderten an den Eingängen buddhistischer Tempel in Japan und bewachen symbolisch die Grenze zwischen der weltlichen und der spirituellen Welt. Ihre furchterregenden Gesichter und mächtigen Körper sollen keine Bosheit darstellen, sondern die Kraft, alles Negative, Unreine und Böse fernzuhalten. Agyō, der meist links steht, wird mit geöffnetem Mund dargestellt und symbolisiert den Laut „A“, den ersten Laut des Sanskrit Alphabets und damit den Anfang aller Dinge. Er verkörpert aktive Energie, Stärke, Bewegung und die entschlossene Kraft, Hindernisse zu überwinden. Ungyō hingegen steht meist rechts und hat den Mund geschlossen. Er symbolisiert den Laut „Un“ oder „Om“, das Ende aller Dinge, und steht für innere Ruhe, Kontrolle, Vollendung und geistige Stärke. Gemeinsam bilden beide das Gleichgewicht zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod, Einatmen und Ausatmen sowie Kraft und Beherrschung. Ihre Ursprünge liegen in der indischen buddhistischen Tradition, von wo aus sie über China nach Japan gelangten und dort zu einem festen Bestandteil der Tempelkultur wurden. Die wilden Gesichtsausdrücke, die angespannten Muskeln und die kraftvollen Haltungen sollen die unerschütterliche Entschlossenheit darstellen, die buddhistische Lehre zu schützen. Gleichzeitig erinnern Agyō und Ungyō daran, dass wahre Stärke nicht allein aus roher Kraft entsteht, sondern aus dem Gleichgewicht zwischen äußerer Macht und innerer Ruhe.