Rokkon Shōjō (六根清浄) bedeutet die Reinigung der sechs Sinne und stammt aus der japanischen Bergasketik sowie aus buddhistischen und shintōistischen Traditionen. Gemeint ist nicht nur die äußere Reinheit, sondern vor allem die Klärung von Geist, Wahrnehmung und innerer Haltung. Augen, Ohren, Gedanken und Emotionen sollen frei werden von Ablenkung, Ego, Angst und Unruhe. Im Budō bedeutet dies, sich selbst ehrlich zu begegnen, den eigenen Geist zu beobachten und hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Wahre Entwicklung beginnt oft nicht im äußeren Kampf, sondern in der Fähigkeit, klar wahrzunehmen und den eigenen Geist zu ordnen. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung von Rokkon Shōjō. Kürzlich habe ich euch noch den Text kagami o miru gepostet, was damit in Verbindung steht. Das Buch ist in Englisch wie so viele Bücher über Ninjutsu bzw. das Bujinkan.

Sascha Uvira Daishihan

Aus dem Buch Rokkon Shōjō

Ein Auszug aus dem Buch Rokkon Shōjō meines Buyu Néstor.

Im Jahr 2010 schrieb mein Lehrer, Hatsumi Masaaki Sōke, diesen Ausdruck mit anderen Schriftzeichen: 禄魂笑浄. In seiner Neuinterpretation bedeutet Roku (禄) „Belohnung“, Kon (魂) bedeutet „Seele“, Shō (笑) drückt „Lachen“ aus und Jō (浄) steht für „Reinheit“. Hatsumi Sōke erklärte, dass dieses Konzept nicht mit Shugendō verbunden sei, sondern vielmehr mit der Bedeutung des Lächelns und eines freudvollen Lebens – selbst in schwierigen Momenten. Selbst die Fähigkeit …

…für einen Moment das Budō zu vergessen und das Leben zu genießen, ist ebenfalls eine Form der Reinigung. In seiner Sichtweise ist nichts strikt linear oder festgelegt, wodurch jeder Mensch die Freiheit erhält, durch Training und persönliche Erfahrungen seine eigene wahre Bedeutung zu finden.

Ich erinnere mich an eine Reise nach Japan im Jahr 2001 zusammen mit meinen Budō-Brüdern Christian Petroccello und Maximiliano Rosatti, um mit unserem Lehrer zu trainieren. In jenem Jahr lag das Thema im Bujinkan auf Gyokko Ryū und dem Gebrauch des Daishō (大小), der Kombination aus einem kurzen und einem langen Schwert. Während unseres Aufenthalts besuchten wir den Kurama Yama (鞍馬山), einen heiligen Berg nordwestlich von Kyōto, der für seine starke spirituelle Energie bekannt ist. Der Aufstieg war lang und erschöpfend, doch als wir den Gipfel erreichten, wurden wir mit dem Anblick eines beeindruckenden Tempels belohnt, der eine kraftvolle Energie ausstrahlte. Während des Abstiegs jedoch begann mein Geist sich mit negativen Gedanken über mich selbst zu füllen, wodurch ein tiefes Gefühl von Scham entstand. In diesem Moment erwähnte Christian zum ersten Mal das Konzept von Rokkon Shōjō und half mir zu verstehen, dass dieser Prozess der Selbstreflexion und der Konfrontation mit den eigenen Schatten ebenfalls eine Form der Reinigung war, die für mein persönliches Wachstum notwendig ist. So wie das stille Wasser eines Beckens in Bewegung geraten muss, um seine Unreinheiten zu klären, hatte ich das Gefühl, dass Budō ebenfalls verborgene Unreinheiten in mir aufwühlte und sichtbar machte.

Ich habe mich entschieden, dieses Buch Rokkon Shōjō zu nennen, weil mir die Jahre hindurch erlaubt wurde, jedem Menschen die Freiheit zu geben, durch Training und persönliche Erfahrungen seinen eigenen wahren Sinn zu suchen. Diese Veränderungen waren grundlegend für mein Wachstum, sowohl auf persönlicher Ebene als auch auf meinem Weg als Krieger. Durch Budō wurde und bleibt jedes Hindernis eine Gelegenheit zur Reinigung und zum Lernen.

Am wichtigsten aber lernte ich, dass ein Lächeln und ein Leben voller Freude — selbst inmitten von Schwierigkeiten — ein Weg sind, den Geist rein und stark zu halten.

Ich hoffe, dass dieses Buch andere Praktizierende auf ihrem persönlichen Weg inspiriert und ihnen durch die Lehren von Hatsumi Sōke Werkzeuge an die Hand gibt, ihren eigenen Weg zum Glück zu entdecken. Möge jeder Mensch mit Stolz auf sich selbst blicken und sich Tag für Tag besser verstehen lernen.

Wie mein Lehrer einst zu mir sagte: „Wenn du den Feind überleben willst, musst du zuerst deine eigene Natur verstehen.“ Diese Weisheit ist grundlegend für jeden Übenden, der nach Selbsterkenntnis und täglicher Verbesserung strebt.

Dai Shihan Néstor Iscovi
Ein einfacher Schüler seines Lehrers.

Néstor und Ich im Hombu Dojo Japan 2026

Meine Gedanken dazu: 

Diese Zeilen aus dem Buch von Dai Shihan Néstor Iscovi haben mich nicht ohne Grund berührt. Viele Dinge, die dort beschrieben werden, spiegeln auch meinen eigenen Weg wider. Budō war für mich niemals nur Bewegung, Technik oder Kampfkunst. Es war über all die Jahre hinweg ein Weg, um immer wieder aufzustehen, weiterzugehen und in schwierigen Zeiten nicht den inneren Halt zu verlieren. Gerade durch meine Erfahrungen bei der Bundeswehr, durch Belastungen, Verluste, innere Kämpfe und Situationen, die einen Menschen an seine Grenzen bringen können, habe ich verstanden, was mit Reinigung, Selbstbegegnung und dem Konfrontieren der eigenen Schatten wirklich gemeint ist. Manche Wunden sieht man nicht nach außen, und oft erkennt man erst viele Jahre später, welche Spuren bestimmte Erlebnisse hinterlassen haben. Budō hat mir dabei geholfen, nicht daran zu zerbrechen, sondern immer wieder Kraft zu finden, weiterzumachen und den Blick nach vorne zu richten. Deshalb wollte ich diese Seiten mit euch teilen. Nicht weil sie perfekte Antworten geben, sondern weil sie etwas zeigen, das im heutigen Leben oft verloren geht: den ehrlichen Blick auf sich selbst. Training bedeutet nicht nur stärker zu werden. Es bedeutet auch, sich selbst besser kennenzulernen, Verantwortung für die eigenen Gedanken und Handlungen zu übernehmen und trotz aller Schwierigkeiten den eigenen Weg weiterzugehen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des Trainings. Nicht im Gewinnen oder Verlieren, sondern darin, als Mensch zu wachsen, selbst dann, wenn das Leben schwer wird. Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb uns Budō manchmal mehr über uns selbst lehrt als jede Technik. Daishihan Sascha Uvira 内修克己 Naishū Kokki

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