Im Dōjō hängt der Shinkyō nicht einfach nur als Gegenstand vor dem Kamidana. Der Spiegel schweigt und dennoch spricht er zu jedem, der bereit ist wirklich hinzusehen. Viele Menschen glauben, sie würden im Leben ständig nach Antworten suchen, doch oft laufen sie nur vor ihrem eigenen Spiegelbild davon. Kagami o miru bedeutet nicht nur, in einen Spiegel zu schauen. Es bedeutet den Mut zu besitzen, sich selbst ohne Maske zu begegnen. Nicht dem Bild, das andere von uns sehen sollen, sondern dem Teil, den wir selbst gerne verbergen. Der Shinkyō erinnert daran, dass wahre Entwicklung nicht im Sieg über andere entsteht, sondern im ehrlichen Erkennen der eigenen Schwächen, Ängste und Illusionen. Wie eine ruhige Wasseroberfläche zeigt der Spiegel nichts anderes als die Wahrheit. Ist der Geist unruhig, verzerrt sich das Bild. Wird der Geist klar, beginnt man zu verstehen, dass Budō nicht nur aus Technik besteht, sondern aus Selbsterkenntnis. Manche Menschen trainieren ihr ganzes Leben lang und lernen dennoch nie wirklich hinzusehen. Andere erkennen in einem einzigen stillen Augenblick vor dem Spiegel mehr über sich selbst als in tausend Worten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des Kagami o miru. Nicht nur den Spiegel anzusehen, sondern irgendwann zu erkennen, dass man selbst der Spiegel geworden ist.
大師範 サシャ ウヴィラ
Daishihan Sascha Uvira