Noch etwas von meinem letzten Trip aus Japan und dem Prinzip des: 強弱柔剛 (Kyojaku Jūgō) was uns Nagato-Sensei wie folgt erklärte:

Kyojaku Jūgō wird oft mit Stärke und Schwäche sowie mit Härte und Weichheit übersetzt, doch Nagato Sensei erklärte in Japan, dass man dieses Prinzip eigentlich nicht einfach logisch erklären kann. Es geht nicht nur um körperliche Kraft oder sichtbare Stärke, sondern vielmehr um Wahrnehmung, Erwartung und das Verständnis von Energie. Viele Menschen gehen automatisch davon aus, dass ein Mann stark ist, weil er meist mehr Muskulatur besitzt, und dass eine Frau schwächer sei. Doch genau diese feste Erwartung kann bereits ein Fehler sein. Wahre Stärke zeigt sich nicht nur in Muskelkraft, sondern in Timing, Gefühl, Bewegung, Geisteshaltung und der Fähigkeit, sich einer Situation anzupassen. Deshalb kann man nicht pauschal sagen, ein Mann sei stark, nur weil er ein Mann ist, oder eine Frau schwach, nur weil sie eine Frau ist. Oft liegt gerade in dem, was weich oder schwach erscheint, eine besondere Kraft verborgen. Im Budō bedeutet Kyojaku Jūgō daher auch, sich von festen Vorstellungen zu lösen. Wer nur nach äußerer Stärke urteilt, versteht die Tiefe dieses Prinzips nicht. Ein Mensch kann weich erscheinen und dennoch unerschütterlich sein. Jemand kann körperlich stark wirken und innerlich dennoch instabil sein. Stärke und Schwäche wechseln ständig ihre Form und hängen immer von der jeweiligen Situation, vom Geist und von der Wahrnehmung ab. Genau deshalb sagte Nagato Sensei, dass man es nicht wirklich vollständig erklären kann. Man muss es erfahren, fühlen und im Training erkennen lernen. Kyojaku Jūgō ist kein festes Regelwerk, sondern ein lebendiges Prinzip des Wandels, der Anpassung und des Loslassens von Vorurteilen und Erwartungen. Hiromi-san, die Frau von Rob Renner, die auch am Unterricht teilnahm, erklärte dazu einmal sehr passend, dass wir Europäer oder allgemein viele Menschen im Westen dazu neigen, immer sofort alles direkt benennen und eindeutig erklären zu wollen. Wir möchten möglichst am Anfang wissen, was richtig oder falsch, stark oder schwach ist. In der japanischen Denkweise jedoch liegt die eigentliche Bedeutung oft nicht am Anfang, sondern zeigt sich erst am Ende einer Erfahrung, einer Bewegung oder einer Situation. Der wahre Sinn entwickelt sich Schritt für Schritt und offenbart sich erst durch das Erleben selbst. Während westliches Denken häufig versucht, alles sofort festzulegen und in klare Kategorien einzuordnen, lässt die japanische Sichtweise Raum für Entwicklung, Veränderung und eigene Erkenntnis. Genau darin liegt auch ein Teil von Kyojaku Jūgō. Man kann es nicht vollständig verstehen, indem man nur eine Definition hört. Erst durch Training, Erfahrung und das bewusste Wahrnehmen erkennt man nach und nach die eigentliche Essenz hinter Stärke und Schwäche, Härte und Weichheit. 
Sascha Uvira