Kyojitsu (虚実) ist ein sehr wichtiger Begriff in den japanischen Kampfkünsten und besonders im Bujinkan. „Kyo“ (虚) bedeutet Leere, Täuschung, Illusion oder etwas scheinbar Schwaches und Offenes, während „Jitsu“ (実) Wahrheit, Realität, Substanz oder etwas tatsächlich Starkes und Echtes bedeutet. Zusammen beschreibt Kyojitsu das Wechselspiel zwischen Wahrheit und Täuschung, zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen, zwischen echter Stärke und scheinbarer Schwäche. Dabei geht es nicht einfach darum zu lügen oder jemanden zu täuschen, sondern darum, Wahrnehmung, Erwartungen und Reaktionen zu beeinflussen. Im Budō bedeutet das, dass jemand vielleicht offen oder verletzlich wirkt, in Wirklichkeit jedoch vollkommen vorbereitet ist, oder dass jemand Schwäche zeigt, obwohl er die Situation vollständig kontrolliert. Der Gegner reagiert dadurch auf etwas, das gar nicht wirklich existiert, und genau darin liegt die Essenz von Kyojitsu. Es beschreibt die Fähigkeit, den geistigen und emotionalen Zustand des Gegenübers zu beeinflussen, bevor überhaupt eine Technik sichtbar wird. Kyojitsu existiert deshalb nicht nur im Kampf, sondern auch in Strategie, Distanz, Timing, Atmosphäre und menschlichem Verhalten. Ein wahrer Meister kontrolliert nicht nur Technik, sondern auch die Wahrnehmung seines Gegenübers. Im Bujinkan hört man häufig den Ausdruck „Kyojitsu Tenkan Hō“ (虚実転換法), was ungefähr bedeutet: „Die Methode, Illusion und Realität ineinander zu verwandeln.“ Das Erwartete wird unerwartet und das Unerwartete selbstverständlich. Wahrheit und Täuschung existieren dabei nicht getrennt voneinander, sondern verändern sich ständig gegenseitig. Wer nur auf das Sichtbare reagiert, verliert den Blick für die eigentliche Realität.

Daishihan Sascha Uvira