Nochmal eine kurze Zusammenfassung des gestrigen Trainings. Ich habe euch gestern Basis (Kihon)üben lassen und dazu verschiedene Begriffe erklärt. Hier die Zusammenfassung:
Das japanische Wort Kihon (基本) bedeutet Grundlage oder Basis. Die Idee des Kihon Trainings ist jedoch deutlich älter als der Begriff selbst. Bereits in den alten Kriegskünsten Japans wurden grundlegende Bewegungen, Körperhaltungen, Schrittfolgen und Prinzipien immer wieder geübt, lange bevor der Begriff Kihon verwendet wurde. Die Wurzeln dieser Übungen liegen in den Erfahrungen der Kriegerklassen Japans. Über viele Jahrhunderte hinweg wurden Techniken in realen Konflikten, militärischen Auseinandersetzungen und im täglichen Training erprobt. Die Überlieferung der alten Schulen beruhte nicht auf theoretischen Überlegungen, sondern auf praktischen Erfahrungen. Methoden, die sich als wirksam erwiesen, wurden bewahrt, weitergegeben und verfeinert. Bewegungen oder Konzepte, die sich nicht bewährten, wurden verändert oder gerieten mit der Zeit in Vergessenheit. Dadurch entstand ein fortlaufender Entwicklungsprozess, bei dem nicht die Anzahl der Techniken entscheidend war, sondern die Qualität der zugrunde liegenden Prinzipien. Die Lehrer der alten Schulen erkannten, dass erfolgreiche Techniken fast immer auf denselben fundamentalen Grundlagen beruhten, nämlich einer stabilen Körperstruktur, richtigem Timing, Distanzgefühl, Gleichgewicht, effizienter Kraftübertragung und einer aufmerksamen Wahrnehmung der Umgebung. Diese Grundlagen bildeten das Fundament der traditionellen Lehrsysteme. In vielen klassischen Schulen wurden die Inhalte in verschiedene Stufen der Überlieferung gegliedert. Im Shoden, der ersten Überlieferungsstufe, werden die Grundlagen und die äußeren Formen vermittelt. Im Chūden, der mittleren Überlieferungsstufe, beginnt der Schüler die Zusammenhänge und Prinzipien hinter den Bewegungen zu verstehen. Im Okuden, der inneren oder tiefen Überlieferungsstufe, betrachtet er dieselben Inhalte mit der Erfahrung vieler Jahre des Übens. Dabei wird das Okuden häufig missverstanden. Viele Menschen denken dabei an geheime Techniken oder verborgene Bewegungen. In Wirklichkeit besteht das Okuden in vielen traditionellen Schulen oft nicht darin, etwas völlig Neues zu lernen, sondern das bereits Gelernte auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Die Techniken haben sich nicht verändert, verändert hat sich der Übende selbst. Mit zunehmender Erfahrung wird deutlich, dass die höchsten Prinzipien bereits in den einfachsten Grundlagen enthalten waren. Was zunächst wie eine einfache Übung erscheint, offenbart mit der Zeit immer tiefere Ebenen von Distanz, Timing, Balance, Wahrnehmung und Strategie. Das Okuden ist daher weniger eine Frage neuer Techniken als vielmehr eine neue Sichtweise auf das bereits Bekannte. Im Shoden sieht man die Bewegung, im Chūden erkennt man das Prinzip, im Okuden erkennt man, dass das Prinzip schon immer in der Bewegung enthalten war. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verständnis des historischen Hintergrundes, aus dem die traditionellen Kriegskünste hervorgegangen sind. Ihre ursprüngliche Zielsetzung unterschied sich grundlegend von den Zielen moderner Wettkampfsportarten. Moderne Kampfsportarten verfügen über Regeln, Gewichtsklassen, Schiedsrichter und medizinische Betreuung. Ihr Ziel ist es, innerhalb eines festgelegten Regelwerks den sportlichen Sieg zu erringen. Dies stellt hohe Anforderungen an Technik, Athletik, mentale Stärke und Disziplin und verdient großen Respekt. Die klassischen Kriegskünste hingegen entstanden in einer Zeit, in der Auseinandersetzungen nicht unter sportlichen Bedingungen stattfanden. Für die Krieger vergangener Jahrhunderte stand nicht die Frage im Vordergrund, wer einen Wettkampf gewinnt, sondern ob man eine Begegnung überlebt. Die Konsequenzen einer Niederlage konnten den Verlust des eigenen Lebens, den Tod von Gefährten oder den Untergang der eigenen Familie und Verpflichtungen bedeuten. Dadurch entstand eine grundlegend andere Denkweise. Während ein Sportler innerhalb eines definierten Rahmens um den Sieg kämpft, war die Perspektive des historischen Kriegers von Verantwortung, Überleben und den Folgen einer Niederlage geprägt. Diese unterschiedliche Ausgangslage beeinflusst nicht nur die Techniken, sondern auch die Strategie, die Wahrnehmung von Gefahr, die mentale Haltung und das Training selbst. Betrachtet man zwei Menschen mit vergleichbaren körperlichen Fähigkeiten, von denen der eine an einem sportlichen Wettkampf teilnimmt, während der andere überzeugt ist, dass von seinem Handeln das Leben seiner Familie und sein eigenes Überleben abhängen, wird deutlich, dass beide die Situation mit einer völlig unterschiedlichen inneren Haltung betreten würden. Die Techniken mögen ähnlich erscheinen, doch die psychologische Grundlage und die Motivation sind grundverschieden. Aus diesem Grund sollten traditionelle Kriegskünste und moderne Kampfsportarten nicht als besser oder schlechter betrachtet werden, sondern als unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Anforderungen. Die eine entstand aus dem Bedürfnis nach sportlichem Wettkampf und Leistungsvergleich, die andere aus den Erfahrungen von Menschen, für die ein Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben konnte. Gerade deshalb legen traditionelle Schulen so großen Wert auf Kihon, auf die ständige Wiederholung der Grundlagen und auf das Verständnis der dahinterliegenden Prinzipien. Unter extremem Druck bleibt dem Menschen oft nicht das, was er theoretisch weiß, sondern das, was er durch jahrelanges Training verinnerlicht hat. Die Grundlagen sind deshalb nicht der Anfang des Weges, sie sind der Weg selbst. Kihon ist keine Sammlung einfacher Übungen, sondern die über Generationen gewachsene Essenz praktischer Erfahrungen. Es bildet das Fundament traditioneller japanischer Kriegskünste und erinnert uns daran, dass wahre Meisterschaft nicht im Anhäufen von Techniken liegt, sondern im immer tieferen Verständnis der Grundlagen. Je tiefer man in die Lehre eindringt, desto deutlicher wird, dass die höchsten Ebenen der Kunst bereits in den einfachsten Bewegungen verborgen liegen und dass der Weg des Lernens letztlich ein Weg ist, die Grundlagen immer wieder neu zu entdecken.

Daishihan Sascha Uvira, 大師範 サシャ ウヴィラ

Ich möchte dies an einem modernen, persönlichen Beispiel verdeutlichen.
Als Soldat habe ich im Umgang mit einer Waffe zunächst nicht das Schießen selbst, sondern die Grundlagen gelernt. Wir lernen die einzelnen Bauteile kennen, das Zerlegen und Zusammensetzen der Waffe, das Befüllen des Magazins, die Sicherheitsbestimmungen und die korrekte Handhabung. Diese wiederholten Abläufe schaffen eine solide Basis, auf die wir in einer Stresssituation zurückgreifen können. Erst wenn diese Grundlagen verinnerlicht sind, kann die Waffe effektiv und sicher eingesetzt werden.
Ähnlich verhält es sich mit Kihon und Kata in den traditionellen Kriegskünsten. Die Kata vermittelt die grundlegenden Bewegungsmuster, Prinzipien und Körpermechaniken. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um die wesentlichen Elemente einer Technik immer wieder zu üben und zu verinnerlichen. Durch diese ständige Wiederholung entsteht eine Handlungssicherheit, die auch unter Druck erhalten bleibt.
In einer realen Auseinandersetzung besteht das Ziel traditioneller Kriegskünste nicht darin, einen langen Schlagabtausch zu führen oder Punkte zu sammeln. Vielmehr geht es darum, eine Situation möglichst schnell, kontrolliert und entschlossen zu beenden. Wenn die Grundlagen tief genug verankert sind, muss der Übende nicht mehr bewusst über einzelne Bewegungen nachdenken. Die Reaktion erfolgt unmittelbar aus dem Training heraus. Genau darin liegt der Wert von Kihon und Kata. Sie schaffen die Grundlage dafür, dass eine Handlung im entscheidenden Moment ohne Zögern, effizient und zielgerichtet ausgeführt werden kann. Nun trainieren wir im Bujinkan vergleichsweise frei und situationsorientiert. Das Ziel besteht nicht darin, festgelegte Bewegungsabläufe oder Kata mechanisch aneinanderzureihen. Vielmehr lernen wir, die zugrunde liegenden Prinzipien so tief zu verinnerlichen, dass wir uns flexibel an die jeweilige Situation anpassen können. Dies ermöglicht eine intuitive und natürliche Reaktion auf das, was tatsächlich geschieht.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Kihon, Kata oder die Grundlagen keine Rolle spielen. Im Gegenteil. Die Basis ist jederzeit vorhanden, sie tritt lediglich nicht immer offensichtlich in Erscheinung. Die Prinzipien von Distanz, Timing, Balance, Körperstruktur, Wahrnehmung und Bewegung sind in jeder Übung enthalten und bilden das Fundament aller Handlungen. Mit zunehmender Erfahrung werden diese Grundlagen immer subtiler und natürlicher. Der Übende denkt nicht mehr bewusst über einzelne Techniken nach, sondern handelt auf Grundlage der verinnerlichten Prinzipien.
Aus diesem Grund ist freies Training nicht das Gegenteil von Kihon oder Kata. Es ist vielmehr deren natürliche Weiterentwicklung. Die Form wird nicht verlassen, sondern so tief verstanden, dass sie nicht mehr sichtbar im Vordergrund stehen muss. Die Grundlagen bleiben erhalten, sie zeigen sich lediglich auf einer höheren Ebene des Verständnisses und der Anwendung.